Chinesische Medizin

Dao, Qi, Yin und Yang

Philosophie von Dao, Qi, Yin und Yang

Substanzen des Lebens

Gesundheit und Krankheit im Verständnis der chinesischen Medizin

 

 

Chinesische Medizin


Die Chinesische Medizin ist ein ganzheitliches Medizinsystem, das auf eine jahrtausendelange Geschichte zurückblickt und den Menschen sowohl in seinen organisch-materiellen als auch in seinen energetisch-funktionellen Aspekten und Äußerungen wahrnimmt.

 

Ersteres sind fühl- und sichtbare Veränderungen der Körperstruktur, letzteres Veränderungen und Mißbefindlichkeiten, die zwar von der betroffenen Person be- bzw. umschrieben, aber weder direkt von Außen gefühlt noch gesehen werden, sondern lediglich indirekt wahrgenommen und empfunden werden können.

 

Um all diese verschiedenen Äußerungen beschreiben, nachvollziehen und im Fall einer Störung Strategien zu ihrer Veränderung entwickeln zu können, entstand ein umfangreiches theoretisch beschreibendes Fundament, das all die zuvor genannten Aspekte umfaßt.

 

Wesentliche Referenz zur Theorie der chinesischen Medizin ist der sogenannte "Innerer Klassiker des gelben Kaisers" (Huángdì Nèijīng, chin. 黄帝内經) mit den beiden Teilen "Einfache Fragen" (Sùwèn, chin. 素问) und "Angelpunkt der Struktivkraft" (Língshū, chin. 靈樞).

 

In diesem Klassiker wird ein wohl eher fiktives Gespräch des gelben Kaisers (Huángdì, chin. 黄帝) mit seinem Leibarzt bzw. Minister Qíbó (chin. 岐伯) über Ursache und Behandlung von Krankheiten beschrieben.

 

Der Ursprung dieses Werkes wird allgemein in die Zeit der "Streitenden Reiche" (475-221 v. Chr.) und die Zeit der frühen Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) datiert.


 

Dao, Qi, Yin und Yang 

Die Chinesische Medizin basiert auf dem Verständnis, daß alles Leben im Fluß sein muß um überhaupt lebendig sein zu können. Kommt es irgendwo zu einer Stauung dieses Flusses, kommt es erst zu Mißempfindungen, dann zu Schmerz und später dann zum Erliegen der Lebensfunktionen. Dieser Fluß des Lebens wird Qi (sprich: Tschi) genannt. Dieses Qi wiederum manifestiert sich in einem eher substantiellen Aspekt Yin und einem eher funktionellen Aspekt: Yang. Qi entsteht im Spannungsfeld dieser beiden Aspekte.

 

Als weitere, grundlegende "Substanzen des Lebens" werden Jing (Essenz) und Shen (Geist) differenziert.

 

Qi, Jing und Shen werden auch als die "San Bao" (Drei Schätze) bezeichnet und stellen somit etwas sehr kostbares, wertvolles und wertzuschätzendes dar. Ist nur eines mehr oder weniger deutlich in Mangel, kommt es zu Disharmonie, Störungen, bis hin zu Entgleisungen des harmonischen Ineinandergreifens der Lebensfunktionen.

 

Herstellung, Umwandlung, Speicherung, Weiterleitung und Ausscheidung dieser und vieler anderer gröberer und feinerer Anteile werden in den Speicher- (Zang-) und Hohl- (Fu-) Organen gewährleistet.

 

  • Speicherorgane: Leber, Herz, Milz, Lunge, Niere, Herzbeutel

  • Hohlorgane: Gallenblase, Dünndarm, Magen, Dickdarm, Harnblase und dreifacher Erwärmer


Die Versorgung des gesamten Organismus geschieht über die Leitbahnen und Kollateralen (Jing Luo), von denen es Haupt-, Neben- und Sonderleitbahnen gibt, die den gesamten Körper über- und durchziehen und somit im wahrsten Sinne des Wortes "vernetzen".


Die Therapie zielt nun, mit welcher Methode auch immer (Akupunktur, Moxibustion, Schröpfen, Tuina, Diätetik und Qigong) darauf ab, Fülle abzuleiten, Leere aufzufüllen, Hitze zu klären, Kälte zu wärmen, Ansammlungen aufzulösen, Blockaden zu öffnen und somit den harmonischen Fluß aller Substanzen wiederherzustellen.

 

Philosophie von Dao, Qi, Yin und Yang 
Das Dao schafft das Eine,
das Eine schafft die Zwei,
die Zwei erzeugt die Drei,
die Drei aber erzeugt alle Dinge

 

 

- Das Dao schafft das Eine:  

Die Grundlage der chinesischen Medizin ist die Lehre vom Dao, der Lehre vom Wandel, von Kommen und Gehen, sowie stetigem Fluß aller Erscheinungen, seien sie materiell, nichtmateriell, von lebendiger oder nichtlebendiger Art. Dao ist lediglich eine Umschreibung dessen, was eigentlich unbeschreiblich, unnennbar ist, denn Worte sind immer beschränkt in ihrer Bedeutung und Dao ist in seinem ureigensten Wesen unbeschreibbar. Es ist gleichzeitig Alles und Nichts, Anfang und Ende, Werden und Vergehen und deshalb mehr als man rational begreifen kann.

   

- Das Eine schafft die Zwei:  

Dao ist Einheit, Harmonie, Nichtgespaltenheit. Aus diesem Einen entsteht die Zwei, Yin und Yang. Es gibt keine absoluten Gegensätze, das Eine ist immer nur relativ anders zum Anderen, nie absolut. Ursprünglich bezeichnete Yin die Schattenseite, Yang die Sonnenseite eines Hügels, wobei die Relativität allein schon durch den Lauf der Sonne gegeben ist.

 

- Die Zwei erzeugt die Drei:  

Aus diesen Zwei entstehen dann die Drei Schätze (San Bao): Jing (Essenz), Qi (Funktion) und Shen (Geist). Jing, die Essenz, ist der Keim des Lebens, ist die im Verhältnis materielle Grundlage, feinstoffliche Basis, aus der das Leben reift. Diese Essenz benötigt jedoch die belebende Kraft des Qi, um wachsen, reifen und sich entwickeln zu können, sonst bliebe es tote, unbelebte Materie. Tritt dann noch der spirituelle Funke Shen hinzu, haben wir das Leben in seiner Vielfalt und Variation vor uns (die Drei aber erzeugt alle Dinge).

 

 

Holz

Feuer

Erde

Metall

Wasser

Zahl

8

7

5

9

6

Farbe

grün

rot

gelb

weiß

schwarz

Gewebe

Sehnen

Gefäße

Muskeln

Haut

Knochen

Emotion

Zorn

Freude

Grübeln

Trauer

Angst

Geschmack

sauer

bitter

süß

scharf

salzig

Yin-Organ

Leber

Herz

Milz

Lunge

Niere

Yang-Organ

Gallenblase

Dünndarm

Magen

Dickdarm

Harnblase

Sinnesorgan

Auge

Zunge

Mund

Nase

Ohr

Jahreszeit

Frühling

Sommer

Spätsommer

Herbst

Winter

Himmelsrichtung

Osten

Süden

Mitte

Westen

Norden

Klimatischer Faktor

Wind

Hitze

Feuchtigkeit

Trockenheit

Kälte

 

Man unterscheidet in der gegenseitigen Beeinflussung der 5 Wandlungsphasen die folgenden Zyklen, wobei a) und b) reguläre (physiologische), c) und d) dagegen irreguläre (pathologische) Zyklen beschreiben


a) einen fördernden (Sheng-) Zyklus: Holz - Feuer - Erde - Metall - Wasser

 

b) einen kontrollierenden (Ke-) Zyklus: Holz - Erde - Wasser - Feuer - Metall

 

c) einen überwindenden (Cheng-) Zyklus: Verstärkung des Ke-Zyklus (z.B. Holz überkontrolliert Erde)

 

d) einen mißachtenden (Wu-) Zyklus: rückläufiger Ke-Zyklus (z.B. Erde mißachtet die Kontrolle des Holzes)

 

 

Substanzen des Lebens

Als Substanzen des Lebens werden in der chinesischen Medizin Qi (Funktion), Xue (Blut), Jing (Essenz) und Jin Ye (Körperflüssigkeiten) bezeichnet.

 

  • Qi entsteht im Spannungsfeld von Yin und Yang. Es existiert von sehr feinen, energetischen, bis zu sehr groben, materiellen Aspekten. Qi ist einerseits das, was wir als Lebenskraft bezeichnen können, was das Leben in Bewegung setzt und hält; es ist das, was die Tätigkeit eines jeden Organs erst ermöglicht. Zum anderen ist es die funktionelle Aktivität eines jeden Speicher- und Hohlorgans, dessen individuell differenziert sich zeigende Tätigkeit.

    Qualität: bewegt, erwärmt, beschützt, ernährt, bewahrt, wandelt um.

 

  • Xue (Blut) ist Yin im Verhältnis zu Qi (Yang), es ist dichter, materieller. Es hat an erster Stelle eine ernährende, dann aber auch eine befeuchtende Funktion; und nicht zuletzt dient es auch der Verankerung und Beherbergung des Geistes Shen. Die Quelle des Blutes sind einerseits die Essenzen, die aus Nahrung und Getränken gewonnen werden, andererseits ist aber auch die Essenz des Funktionskreises Niere an der Blutbildung beteiligt, da die Nierenessenz auch das Mark (auch das Knochenmark) nährt.

    Qualität: ernährt und befeuchtet. 

     

  • Jing (Essenz) ist eine verfeinerte Substanz, die die Konstitution eines Menschen festlegt. Sie wurd durch die Qualität und Quantität der Vor-Himmels-Essenz (Xian Tian Zhi Jing), als auch der Nach-Himmels-Essenz (Hou Tian Zhi Jing) bestimmt.
      
    Qualität: aktiviert Wandlungen, kontrolliert Wachstum, Entwicklung und Reproduktion.

    Die Vor-Himmels-Essenz (Xian Tian Zhi Qi) wird von den Eltern mitgegeben und stellt das erworbene Vermögen eines Menschen dar, das nicht nachträglich ergänzt, sondern nur bewahrt werden kann. Sie bestimmt insbesondere die 7-jährigen Entwicklungszyklen bei der Frau bzw. 8-jährigen Entwicklungszyklen beim Mann.

    Die Nach-Himmels-Essenz ( nährt das Individuum nach der Geburt. Sie wird zuerst aus der Muttermilch, später dann aus Nahrung und Getränken gewonnen und reguliert insbesondere die kurz- und mittelfristigen Entwicklungszyklen (z.B. im Tagesverlauf).


  • Jin Ye (Körperflüssigkeiten) werden aus Nahrung und Getränken extrahiert und im Körper synthetisiert. Ein umfangreicher Transformations- und Destillationsprozeß läßt sie im Körper zirkulieren, wobei verschiedene Reinheitsstufen unterschiedliche Bereiche des Körpers versorgen. Dieser Transformationsprozeß klärt auch das Reine vom Trüben und sorgt somit für eine Ausscheidung des Trüben und einer Bewahrung des Reinen. Innerhalb des gereinigten Anteils werden wiederum klarere (Jin) und trübere (Ye) Anteile unterschieden. Jin ernährt, erwärmt und befeuchtet Haut und Muskeln, Ye dagegen ernährt und befeuchtet die Speicher- und Hohlorgane (s.o.). Unter den Körperflüssigkeiten sind auch alle Körpersekrete zusammengefaßt.

    Qualität: ernährt, erwärmt und befeuchtet



    Gesundheit und Krankheit im Verständnis der chinesischen Medizin


    Ist alles innerhalb des Körpers und der Körper mit seiner Umgebung im Gleichgewicht, dann besteht Harmonie oder auch Zheng (Geradläufigkeit); ist dieses Gleichgewicht gestört, dann besteht Disharmonie oder auch Xie (Schrägläufigkeit). Verschiedene Faktoren können nun zu diesem Ungleichgewicht führen:

     

    • innere Einflüsse (z.B. übersteigerte oder inadäquate Emotionen)

    • äußere Einflüsse (z.B. Umgebung, pathogene Energien, Arbeitsbedingungen)

    • weder innere noch äußere Einflüsse (z.B. schwache Konstitution, Fehlernährung, Überanstrengung)