Tuina - Die manuellen Methoden der Chinesen

von Zhang-Li Xiaomei, Zhang Liang, Karl O. Heimann

 

Als begriffliche Einheit ist Anmo ("Drücken und Streichen") bereits vor der Zeitenwende nachweisbar. Tuina ("Schieben und Greifen") taucht in der chinesischen Fachliteratur hingegen erst ab der Ming-Zeit (1368-1644) auf, überlagerte den Begriff Anmo kontinuierlich und dient heute als offizielle Bezeichnung für einen Fachbereich, der weit in die Traumatologie und die Orthopädie hineinreicht.

 

 

Die Anfänge

 

Erste Hinweise auf Anmo finden sich zur Zeit der Dynastie der frühen Han (206 v. Chr.-24 n. Chr.), eventuell bereits zur voraufgehenden Zhou-Zeit, denn der Anmo Klassiker des Gelben Fürsten und seines Leibarztes Qi Bo ("Huang Di Qi Bo An Mo Jing" in 10 Juan) ist verschollen und lediglich aus Zitaten bekannt.

 

Weitere Hinweise auf Anmo sind den Kapiteln 12 und 24 des "Huang Di Nei Jing Su Wen" des 3.vorchristlichen Jahrhunderts zu entnehmen. Bekannt ist die Geschichte des scheintoten Prinzen von Guo, der vom berühmten Bian Que wieder zum Leben erweckt wird:

 

"Er ordnete an, der erste seiner Schüler solle "die Suppe" (die Kräuterabkochung) bereiten, der zweite solle den Puls tastend kontrollieren, der dritte inzwischen Anmo ausführen..."

 

(Quelle:"Zhou Li Zhu Su", Richtlinien des Meisters Kung samt Kommentaren)

 

 

 

Sui-Dynastie (589-618)

 

Aus dieser Zeit kennen wir bereits einen staatlicherseits anerkannten Fachmann für Anmo. Als Quelle dient eine Auflistung der Berufe der Sui-Zeit, worin bei der Stellenbesetzung des kaiserlichen Krankenhauses zwei Doktoren (oder Fachgelehrte) für Anmo genannt sind.

 

 

Tang-Dynastie (618-907)

 

"Der Gesundheitsminister", so heißt es in den Annalen der Tang, "hat zwei Assistenten im Beamtenrang und vier weitere Heilkundler unter sich: einen „Meister der Medizin“, einen „Meister der Nadel“, einen „Meister für Anmo“ und einen Schamanen...“

 

In einer Auflistung der Berufssparten zur Zeit der „jüngeren Tang“ findet sich der Vermerk:   „1 Anmo Doktor und vier ihm unterstellte Anmo Meister...“.

 

Bei Sun Si Miao („Qian Jin Yao Fang“, „Rezepturen die 1000 Goldstücke wert sind“) und Wang Tao („Wai Tai Bi Yao“ in 40 Juan) gehören Anweisungen zu Atemübungen und Anmo zu den gängigen Therapievorschriften.

 

 

 

Sung-Synastie (907-1279)

 

Bereits ausschließlich dieser Methode gewidmete Kapitel finden sich in einer offiziellen Kompilation:

 

"...wenn leichtes Unwohlsein aufkommt, soll unbedingt Anmo-Kneten angewandt werden; ausgetrieben wird damit das krankmachende Agens und die hundert Gelenke werden (für die Energie) wieder durchgängig..."

 

(Quelle:"Shen Ji Zong Lu", 1111-1117)

 

 

Ming-Dynastie (1368-1644)

 

Anmo gehört zu den 13 fest etablierten heilkundlichen Fachbereichen. Eines der bekanntesten Fachbücher ist das "Tui Na Mi Jue" ("Geheimnisvolles Tuina") von Zhou Yu Pan. Wie weit die Methoden, die ab dann unter dem Begriff Tuina zusammengefaßt werden, entwickelt sind, mag das Kapitel über Kieferrepositionstechniken des "Pu Ji Fang" ("Breitgefächerte hilfreiche Rezeptur") illustrieren; genannnt hierfür sind zwölf Verfahrensweisen.

 

 

Qing- (Mandschu-) Dynastie (1645-1911)

 

Publiziert wurden während dieses Zeitabschnittes mehr als 30 ernstzunehmende Fachbücher. Besonders in den Kapiteln zur Knochenheilkunde und Traumatologie wird in der staatlicherseits in Auftrag gegebenen Kompilation "Yi Zong Jing Jian" ("Goldener Spiegel der Medizin unserer Vorfahren" oder "Goldener Spiegel der traditionellen chinesischen Medizin" , 1742-43 in 90 Juan) die Behandlung mit Tuina herausgestellt.

 

Als weiteres wichtiges Werk sei das "Xiao Er Tui Na Gang" ("Breitgefächerte Bedeutung des Tuina in der Kinderheilkunde", 1676 in 3 Bänden) genannt, das auf vergleichbare Aussagen der Ming-Zeit basiert.

 

Im letzten Jahrhundert vor dem Sturz der Mandschu-Dynastie, wie auch in den ersten Jahrzehnten der Republik, verloren Anmo und Tuina an Ruf und Bedeutung. Langsamer und zögerlicher als bei Akupunktur und Moxibustion erfolgte die Rehabilitation:

 

 

1956

 

Erste Aus- und Fortbildungskurse für Tuina durch die "Fachhochschule für Tuina" in Shanghai.

 

 

1958

 

Eröffnung der ersten Ambulanz für Tuina in Shanghai. Von hier aus verbreitete sich die Kenntnis der Methoden. Sie fanden Eingang in die Fachbereiche Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie. Traumatologie, Kinderheilkunde und HNO.

 

Einen dramatischen Rückschlag erlebte Tuina während der "Kulturrevolution".

 

 

1974

 

Reintegration von Tuina an der Hochschule für traditionelle chinesische Medizin in Shanghai: Zusammenfassung mit Akupunktur und Traumatologie zu einer Fakultät.

 

 

1979

 

Der Bedeutung gemäß wurde Tuina aus o.g. Verband herausgelöst und als eigener Lehrstuhl etabliert.  

 

 

1982

 

Zunächst zogen die Hochschule in Peking, dann auch die anderer großer Städte nach, so daß dort heute eigene Lehrstühle für Tuina bestehen.